Marcus Smolarek

Meinung

Gleichheit oder Gerechtigkeit?

Warum das Zeitalter ohne Rangordnung jetzt beginnen kann

In den USA heißt es in diesem Herbst, die Hierarchie liege im Sterben und die Gleichheit habe gewonnen. Hühner, Kapuzineraffen und Jäger in der Kalahari legen etwas anderes nahe: Gleich sind wir nicht, aber gerecht können wir sein.

Inhalt
Die Große Sphinx und die Pyramiden von Gizeh, 1839
Die Große Sphinx und die Pyramiden von Gizeh, 1839 · Collage: Marcus Smolarek · Vorlage: David Roberts, gemeinfrei, Wikimedia Commons

Zu Weihnachten kaufte der Anthropologe Richard Lee den größten Ochsen, den er finden konnte. Er hatte in den Sechzigerjahren bei den !Kung in der Kalahari gelebt, im Nordwesten Botswanas, hatte ihre Mahlzeiten gewogen und ihre Arbeitsstunden gezählt, und nun wollte er sich bedanken. Das Tier wog 1.200 Pfund, genug Fleisch für die rund 150 Menschen der Umgebung. Tagelang erklärten sie ihm, was er da gekauft habe. Einen Sack Knochen, alt und mager, man werde hungrig nach Hause gehen. Lee verbrachte die Feiertage gekränkt. Beim Schlachten kam unter der Haut eine Fettschicht zum Vorschein, fünf Zentimeter dick, und alle lachten.

Den Brauch erklärte ihm später ein Mann namens Tomazo. Wer viel Fleisch erlegt, hält sich bald für einen Häuptling und die anderen für seine Diener. Deshalb reden sie sein Fleisch schlecht, jedes Mal, bis sein Herz abkühlt und er sanft wird. Lee schrieb die Geschichte 1969 auf, sie gehört zu den meistgedruckten Texten seines Fachs.

In den Vereinigten Staaten geht in diesem Herbst eine These um, die vom Gegenteil ausgeht. Die Hierarchie, heißt es, liege im Sterben. Gemeint ist die Vorstellung, manche Menschen seien von Natur aus mehr wert als andere. Kapitalismus, Patriarchat, Rassismus und organisierte Religion hätten einander gestützt, und nun wankten sie gleichzeitig. Der Faschismus sei der Versuch der Besitzenden, die Rangordnung mit Gewalt zu halten, und er werde scheitern, weil Frauen, Schwarze und die Jungen die Autorität von Männern, Weißen und Reichen nicht mehr anerkennen. Der Tod sei chaotisch, aber er sei unumkehrbar.

Die These tröstet, und sie hat einen wahren Kern. Tomazo hätte ihr trotzdem misstraut. Seine Leute reden das Fleisch schlecht, weil sie annehmen, dass der Häuptling in jedem Jäger steckt und nie ausstirbt. Kann die Hierarchie überhaupt sterben? An der Antwort hängt, was man unter Fortschritt versteht. Die These beginnt mit einer Herkunftsgeschichte, und schon dort geht sie fehl.

Die Bibel war nicht die Erste

Reliefstudie mit dem Kopf Echnatons, 18. Dynastie
Reliefstudie mit dem Kopf Echnatons, 18. Dynastie · Collage: Marcus Smolarek · Vorlage: The Metropolitan Museum of Art, CC0, Wikimedia Commons

Die Herkunftsgeschichte geht so: Das erste Kapitel der Genesis stellt Gott über die Schöpfung und den Menschen über die Tiere, das zweite Adam über Eva, das fünfzehnte ein Volk über die anderen. Von dort habe der Westen gelernt, in Rängen zu denken.

Im Louvre steht eine Stele aus schwarzem Stein, gut zwei Meter hoch. König Hammurabi von Babylon ließ um 1750 vor Christus 282 Rechtssätze hineinschlagen. Sie kennen drei Sorten Mensch, den Freien, den Abhängigen und den Sklaven. Auge um Auge gilt unter Gleichen. Wer einen Niedrigeren verletzt, zahlt Silber. Das erste Kapitel der Genesis entstand vermutlich mehr als tausend Jahre später.

Die Genesis hat an dieser Ordnung eher gerüttelt. In Ägypten und Mesopotamien war „Ebenbild Gottes“ ein Titel des Königs. Die Genesis verleiht ihn jedem Menschen, als Mann und Frau. Dass der Mann über die Frau herrschen werde, steht erst im dritten Kapitel, als Strafe nach dem Sündenfall. Als die amerikanischen Kolonisten 1776 schrieben, alle Menschen seien gleich geschaffen, beriefen sie sich im selben Satz auf den Schöpfer. Sklavenhalter haben aus der Bibel zitiert. Die Gegner der Sklaverei auch, und Martin Luther King war Baptistenpastor. Ein Buch, das beide Seiten bewaffnet, ist nicht die Ursache des Streits.

An einer Stelle wird der Irrtum gefährlich. Die These reiht den Zionismus neben den Rassismus, als Frucht des auserwählten Volkes. In der Bibel ist die Erwählung vor allem ein Bund mit Pflichten. Der politische Zionismus ist ein Kind des 19. Jahrhunderts, Theodor Herzls „Judenstaat“ erschien 1896 als Antwort auf den europäischen Antisemitismus. Israels Regierung lässt sich scharf kritisieren, ohne die Genesis zu bemühen. Wer den Ursprung aller Rangordnungen bei den Juden sucht, erzählt eine sehr alte Geschichte nach, und sie handelte nie von Gleichheit.

Die Hierarchie ist also älter als jede Schrift. Sie ist sogar älter als der Mensch.

Älter als der Mensch

Charles Darwin, „I think“ — erste Skizze eines Stammbaums, Notizbuch B, 1837
Charles Darwin, „I think“ — erste Skizze eines Stammbaums, Notizbuch B, 1837 · Collage: Marcus Smolarek · Vorlage: Charles Darwin, gemeinfrei, Wikimedia Commons

Das Wort Hackordnung kommt aus einem Hühnerhof. Der Norweger Thorleif Schjelderup-Ebbe beobachtete schon als Kind Hennen und notierte, welche welche hackt. 1921 machte er daraus seine Doktorarbeit. Jede Henne kennt ihren Platz, und die Ordnung, einmal ausgefochten, erspart dem Hof den täglichen Kampf. Seither hat man Rangordnungen bei Wölfen gefunden, bei Pavianen, bei Buntbarschen. Die Evolution hat sie viele Male hervorgebracht, weil sie den Streit billiger machen.

Bei unseren nächsten Verwandten wird es verwickelter. Der Primatologe Frans de Waal sah in den Siebzigerjahren im Zoo von Arnheim einer Schimpansengruppe zu und nannte sein Buch darüber „Schimpansenpolitik“. Das Alphatier war dort nicht einfach das stärkste. Es hielt sich, solange Verbündete es stützten, und die Weibchen redeten mit. Der alte Anführer Yeroen wurde von zwei Jüngeren gestürzt, die sich zusammengetan hatten. Bei den Bonobos, die uns ebenso nah stehen, halten Bündnisse der Weibchen die Männchen in Schach.

2003 setzten Sarah Brosnan und de Waal zwei Kapuzineraffen nebeneinander. Jeder reichte einen Spielstein durchs Gitter und bekam dafür eine Scheibe Gurke, und beide waren es zufrieden. Dann bekam der eine für denselben Stein eine Weintraube. Der andere nahm seine Gurke nicht mehr an. Der Aufsatz erschien in „Nature“ unter dem Titel „Affen lehnen ungleiche Bezahlung ab“. Die Gurke war nicht schlechter geworden. Geändert hatte sich der Lohn des Nachbarn.

Der Sinn dafür, zu kurz zu kommen, ist demnach kein Erzeugnis der Aufklärung. Brosnan fand ihn später vor allem bei Arten, die zusammenarbeiten. Wir haben beides geerbt, den Drang nach oben und die Empörung über die Traube des anderen. Welches von beiden eine Gesellschaft prägt, entscheidet die Biologie nicht. Die !Kung haben es entschieden.

Gleichheit ist Arbeit

Menschenmenge bei einer Parade auf der Madison Street
Menschenmenge bei einer Parade auf der Madison Street · Collage: Marcus Smolarek · Vorlage: Dorsaz & Schwerin, gemeinfrei, Wikimedia Commons

Sie stehen damit nicht allein. Der Anthropologe Christopher Boehm hat 1999 Berichte über Dutzende Jäger- und Sammlergesellschaften verglichen. Fast alle lebten ohne Häuptling, und in fast allen gab es Männer, die gern einer gewesen wären. Boehm nannte, was er fand, eine umgekehrte Dominanzhierarchie. Die Vielen beherrschen den Einen, der nach oben will. Ihre Werkzeuge sind Spott, Schweigen, Wegziehen und im äußersten Fall die Tötung. Der magere Ochse ist das mildeste davon.

Der Primatologe Richard Wrangham geht einen Schritt weiter. Seit Menschen sprechen können, vermutet er, konnten sich die Schwächeren gegen den Tyrannen der Gruppe verabreden, und über Jahrtausende haben sie die Jähzornigsten getötet. So hätten wir uns selbst gezähmt, wie wir später den Wolf zum Hund gezähmt haben. Das ist eine Hypothese. Wenn sie stimmt, steckt die Arbeit an der Gleichheit in unseren Knochen.

Menschen gibt es seit etwa dreihunderttausend Jahren, und den größten Teil dieser Zeit haben sie in solchen Gruppen verbracht. Vor rund zwölftausend Jahren begannen sie, Getreide anzubauen und zu lagern. Vor rund fünftausend Jahren entstanden die ersten Staaten, und bald darauf bauten Zehntausende in Gizeh ein Grab für einen einzigen Mann. Spott wirkt unter 150 Leuten, die einander kennen. Wer einen Speicher bewacht und eine Armee bezahlt, lässt sich nicht mehr auslachen.

Einen Ersatz, der unter Fremden funktioniert, gibt es erst seit kurzem. Die amerikanische Unabhängigkeitserklärung wurde in diesem Juli 250 Jahre alt. Sie schafft die Autorität nicht ab. Sie sagt, Regierungen bezögen ihre rechtmäßige Gewalt aus der Zustimmung der Regierten, und das Volk dürfe eine Regierung ablösen, die das vergisst. Das ist der magere Ochse als Staatsrecht. An die Stelle des Rangs tritt das Amt, und ein Amt ist geliehen, befristet und kündbar. Über den Wert dessen, der es innehat, sagt es nichts.

Fertig war das Gebäude nie. Die These führt den Drei-Fünftel-Kompromiss der Verfassung von 1787 als Beleg an, dass versklavte Menschen weniger zählten. Es war schlimmer. Die Sklavenhalter wollten sie voll gezählt sehen, denn jeder gezählte Kopf brachte seinen Besitzern Sitze im Kongress. 1793 hatten die Sklavenstaaten 47 Abgeordnete, ohne die Klausel wären es 33 gewesen. Frauen wählen in Deutschland seit 1918, in den USA seit 1920. Im Schweizer Kanton Appenzell Innerrhoden wählen sie seit 1990, auf Anordnung des Bundesgerichts, nachdem die Männer dreimal Nein gesagt hatten.

In der Richtung hat die These also recht. Aber jeder dieser Schritte wurde gebaut, von Menschen mit Namen und gegen Widerstand. Was gebaut wurde, lässt sich abreißen.

Nichts daran ist unumkehrbar

Menschenmenge vor der New York Stock Exchange
Menschenmenge vor der New York Stock Exchange · Collage: Marcus Smolarek · Vorlage: Associated Press, gemeinfrei, Wikimedia Commons

Abgerissen wurde es schon einmal, in dem Land, von dem die These handelt. Nach dem Bürgerkrieg wählten im Süden der USA schwarze Männer, einige saßen im Kongress. In Louisiana standen 1896 noch 130.344 von ihnen im Wählerverzeichnis. 1898 gab sich der Staat eine neue Verfassung mit Kopfsteuer und Lesetest. 1904 waren es 1.342. Der Abriss dauerte acht Jahre und hielt sechs Jahrzehnte.

Auch die Zahlen der These selbst sprechen gegen sie. Nach den Daten der amerikanischen Notenbank gehört dem reichsten Prozent der Haushalte heute knapp ein Drittel allen Vermögens, rund 60 Billionen Dollar. Der ärmeren Hälfte gehören gut zwei Prozent. Eine Ordnung, die im Sterben liegt, sieht anders aus. Der Historiker Walter Scheidel hat die Geschichte der Ungleichheit seit der Steinzeit durchgesehen und vier Kräfte gefunden, die sie gründlich eingeebnet haben, den Massenkrieg, die Revolution, den Zusammenbruch des Staates und die Seuche. Friedlich ist ihm nichts Vergleichbares begegnet. Auf den Tod der Hierarchie zu warten heißt nach dieser Bilanz, auf eine Katastrophe zu warten.

Auf die Jungen ist ebenso wenig Verlass. Die These rechnet damit, dass die Anhänger der alten Ordnung aussterben. Bei der Bundestagswahl 2025 wählten 26 Prozent der 18- bis 24-Jährigen die Linke und 21 Prozent die AfD. Eine Generation ist kein Lager.

Am meisten unterschätzt die These ihren Gegner. Sie hält den Faschismus für ein Werkzeug der Besitzenden, und das ist die halbe Wahrheit, denn Besitzende haben ihm oft genug die Tür geöffnet. Seine Mehrheiten aber holt er weiter unten. Er bietet Rang an. Wer wenig hat, bekommt jemanden zugeteilt, der unter ihm steht, den Fremden, die Frau, den Abweichler. Das ist kein letztes Zucken einer sterbenden Ordnung. Es ist ein Angebot, und wo die Gegenseite nur das Warten anzubieten hat, ist es das einzige.

Sein stärkstes Argument holt er sich aus der Biologie, und es ist nicht einmal falsch. Die Menschen sind nicht gleich.

Gleich sind wir nicht

Queen Victoria im Kreis ihrer Familie
Queen Victoria im Kreis ihrer Familie · Collage: Marcus Smolarek · Vorlage: Eduard Uhlenhuth, gemeinfrei, Wikimedia Commons

Zwei beliebige Menschen unterscheiden sich an mehreren Millionen Stellen ihres Erbguts. Sie sind verschieden groß, verschieden schnell, verschieden geduldig, und ein Teil davon ist angeboren. Ein Mangel ist das nicht. Die Evolution arbeitet mit Verschiedenheit, sie hat nichts anderes. In Irland wuchs 1845 fast überall dieselbe Kartoffelsorte, die Lumper. Dann kam die Krautfäule, und etwa eine Million Menschen starben.

Die These weicht der Verschiedenheit aus. Sie sagt, die Begabungen seien gleichmäßig verteilt. Zwischen Gruppen stimmt das weitgehend. Der Genetiker Richard Lewontin hat 1972 ausgerechnet, dass rund 85 Prozent der genetischen Vielfalt des Menschen innerhalb jeder Bevölkerung liegen und nur der Rest zwischen ihnen. Wer nach Hautfarbe sortiert, sortiert nach fast nichts. Zwischen Einzelnen stimmt es nicht, und jeder weiß das, der einmal vor einer Schulklasse gestanden hat. Eine Gleichheit, die behauptet, alle seien gleich begabt, fällt mit dem ersten Gegenbeispiel.

Die !Kung haben diesen Fehler nie gemacht. Am Feuer bestritt niemand, dass manche besser jagen. Bestritten wurde, was daraus folgt. Auch der Kapuziner verlangt nicht, dass alle dasselbe bekommen. Er verlangt, dass gleiche Arbeit gleich bezahlt wird. Gleichheit ist eine Behauptung über Menschen, und als Beschreibung ist sie falsch. Gerechtigkeit ist eine Regel für den Umgang mit ihrer Verschiedenheit.

So lesen sich auch die Gründungstexte, wenn man sie genau liest. Die Unabhängigkeitserklärung nennt die Menschen gleich geschaffen und zählt im nächsten Atemzug auf, worin, nämlich in ihren Rechten. Das Grundgesetz sagt, alle Menschen seien vor dem Gesetz gleich. Vor dem Gesetz, nicht im Zeugnis. Den gleichen Wert hat es einen Artikel früher untergebracht, bei der Würde, und die hängt an keiner Fähigkeit.

Wie viel Unterschied gerecht ist, hat der Philosoph John Rawls 1971 mit einem Gedankenspiel beantwortet. Man soll die Regeln einer Gesellschaft wählen, ohne zu wissen, wer man in ihr sein wird, begabt oder nicht, gesund oder krank, wessen Kind. Hinter diesem Schleier, meinte Rawls, würde niemand verlangen, dass alle dasselbe haben. Man würde Unterschiede zulassen, unter zwei Bedingungen. Die Ämter und Positionen stehen allen offen, und was einer mehr hat, muss denen nützen, die am wenigsten haben. Die Chirurgin darf mehr verdienen als ich, wenn ich nur so an eine gute Chirurgin komme.

Auch die Gerechtigkeit hat ihre Falle. Das Wort Meritokratie hat der britische Soziologe Michael Young 1958 erfunden, als Satire. Er beschrieb eine Herrschaft der Tüchtigen, die sich für verdient hält und ihre Plätze an die eigenen Kinder weiterreicht. Aus Verschiedenheit wird wieder Rang, diesmal mit Zeugnis. Bleibt die gründliche Lösung, keine Ämter, niemand über niemandem. Sie ist ausprobiert worden.

Wer keinen Chef wählt, bekommt trotzdem einen

Schwarm, der sich ohne Anführer formt
Schwarm, der sich ohne Anführer formt · Collage: Marcus Smolarek · Generative Grafik, eigene Arbeit

Die Politologin Jo Freeman sprach 1970 über die Gruppen der amerikanischen Frauenbewegung, die ohne Vorsitz und ohne Satzung arbeiteten. Anführerinnen hatten sie trotzdem, es waren Freundeskreise. Niemand hatte sie gewählt, also konnte niemand sie abwählen. Freeman nannte das die Tyrannei der Strukturlosigkeit und empfahl, die vorhandene Macht sichtbar zu machen und der Kontrolle aller zu unterstellen. Das Internet hat das Experiment in großem Maßstab wiederholt. Es versprach ein Netz ohne Türsteher. Heute sammelt sich die Aufmerksamkeit bei wenigen Konten, und manche Plattform gehört einem einzigen Mann. Ein Schwarm hat keinen Anführer, solange niemandem der Himmel gehört.

Ohne Ämter geht es also nicht, und mit ihnen droht Youngs Satire. Dazwischen hilft eine Prüfung. Können die unten den oben absetzen? Läuft das Amt ab? Muss sein Inhaber Rechenschaft geben? Lässt es sich vererben? Mehr als diese vier Fragen braucht es nicht, und sie sortieren erstaunlich viel. Ein Parlament besteht sie. Ein Vermögen von hundert Milliarden fällt bei allen vieren durch. Dasselbe gilt für die Rechenzentren, in denen gerade entschieden wird, welche Arbeit Maschinen übernehmen. Wer sie besitzt, hat ein Amt inne, das ihm niemand verliehen hat.

Mein Vorschlag ist deshalb bescheidener als die These und anstrengender. Eine gerechte Gesellschaft macht die Menschen nicht gleich. Sie verhindert, dass aus ihrer Verschiedenheit Rang wird. Fortschritt ist die Verwandlung von Rang in Amt. Er geschieht, wo eine Macht, die sich für angeboren, verdient oder gottgewollt hält, befristet, kündbar und unvererbbar gemacht wird. Die Hierarchie stirbt dabei nicht. Sie wird gehütet wie ein Feuer, an einer Stelle, die jeder kennt.

Zwei Arten zu warten

Es gibt zwei Versionen der kommenden Jahrzehnte. In der einen warten wir auf den Tod der Hierarchie, und während wir warten, kehrt sie in neuer Kleidung zurück, als Eigentümer der Plattform, als Besitzer der Maschinen, als Mann, der Rang verspricht. In der anderen tun wir, was die !Kung taten, mit Werkzeugen für acht Milliarden: Amtszeiten, Wahlen, Gerichte, eine Erbschaftsteuer, eine Presse, die lachen darf.

Dreihunderttausend Jahre lang saßen Menschen an Feuern, und immer wieder kam einer aus dem Busch zurück, der mehr erlegt hatte als die anderen, weil er der bessere Jäger war, und setzte sich und wartete auf das Lob. Dann sagte jemand, für diesen Haufen Knochen sei man so weit gelaufen, und einer lachte, und das Fleisch wurde geteilt wie an jedem anderen Abend. Kein Gesetz schrieb das vor. Es musste an jedem Feuer von neuem gesagt werden, von Leuten, die genau wussten, wie fett das Tier war. Fünftausend Jahre lang hatten wir es verlernt. Seit 250 Jahren üben wir wieder.

Lees Ochse reichte übrigens für alle. Mager war er nie.


Bilder: Collagen aus eigenen Zeichnungen und frei lizenzierten Vorlagen. Nachweise in den Bildunterschriften.

Quellen: Richard B. Lee, Eating Christmas in the Kalahari, Natural History, 1969 · Codex Hammurabi · J. Richard Middleton, Image of God, Oxford Encyclopedia of the Bible and Theology · 100 Jahre Hackordnung, Schjelderup-Ebbe und die Folgen · Frans de Waal, Chimpanzee Politics, 1982 · Brosnan und de Waal, Monkeys reject unequal pay, Nature, 2003 · Brosnan und de Waal, Evolution of responses to (un)fairness, 2014 · Christopher Boehm, Hierarchy in the Forest, 1999 · Richard Wrangham, The Goodness Paradox, 2019 · Die Drei-Fünftel-Klausel der Verfassung von 1787 · Bundesgericht, Frauenstimmrecht-Entscheid, 1990 · Louisiana v. the Franchise, 64 Parishes · Federal Reserve, Vermögensanteil des reichsten Prozents · Walter Scheidel, The Great Leveler, 2017 · ZDF, Wahlverhalten der 18- bis 24-Jährigen, Bundestagswahl 2025 · 1000 Genomes Project, A global reference for human genetic variation, 2015 · Great Famine, Irland 1845–1852 · Richard Lewontin, The Apportionment of Human Diversity, 1972 · John Rawls, A Theory of Justice, 1971 · Michael Young, The Rise of the Meritocracy, 1958 · Jo Freeman, The Tyranny of Structurelessness