Meinung
Kotelett und Karthago
Die EU hat geregelt, was ein Kotelett ist, während der Draghi-Plan für ihre Zukunft zu knapp sechzehn Prozent umgesetzt ist. Rom hat diesen Fehler schon einmal gemacht.
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Ab dem 19. August 2029 darf in der Europäischen Union nichts mehr Kotelett heißen, was nie ein Tier war. So steht es in der Verordnung 2026/1739, zusammen mit dreißig weiteren Wörtern und einer Abverkaufsfrist bis 2032. Der Plan, mit dem Mario Draghi Europa vor zwei Jahren wettbewerbsfähig machen wollte, ist zu knapp sechzehn Prozent umgesetzt.
Eine Macht, die so regiert, hat es schon einmal gegeben.
Am 12. Dezember 416 wird in Ravenna ein Gesetz ausgefertigt. Es ist an Probianus gerichtet, den Stadtpräfekten von Rom, und es ist kurz. Langes Haar und Kleidung aus Fell seien in der hochheiligen Stadt zu unterbinden, heißt es darin, ausdrücklich auch bei Sklaven. Ein Freier, der sich nicht daran hält, soll der Schlinge des Gesetzes nicht entgehen. Ein Sklave kommt zur Zwangsarbeit. Der letzte Satz dehnt das Verbot auf das Umland aus.
Sechs Jahre vorher, am 24. August 410, waren die Westgoten unter Alarich in Rom eingezogen und drei Tage geblieben. Zum ersten Mal seit rund achthundert Jahren hatte ein fremdes Heer die Stadt genommen. Der Kaiser war nicht dort. Honorius residierte seit 402 in Ravenna, hinter Sümpfen, die sich leichter verteidigen ließen als Mauern.
Das Gesetz ist sorgfältig gemacht. Es denkt an die Sklaven, und es denkt an die Vororte. An die Goten denkt es nicht.
Die Kleiderordnung von Ravenna
Es war nicht das erste seiner Art. 382 hatte ein Gesetz den Senatoren verboten, in der Stadt Militärkleidung zu tragen. Sie sollten, so der Wortlaut, den Schrecken des Soldatenmantels ablegen und zur Sitzung des Senats die Toga anziehen. Goldene Borten an der Tunika waren Privatleuten im selben Jahr untersagt worden. 397 wurde auf dem Trajansforum angeschlagen, dass in Rom niemand Stiefel oder Hosen tragen dürfe, bei Strafe des gesamten Vermögens und der Verbannung auf Lebenszeit. Zwei Jahre später wiederholte der Hof das Verbot. 416 kamen Haar und Pelz dazu.
Neben diesen Daten läuft eine andere Chronik. 395 fallen die Hunnen über den Kaukasus in Armenien und Syrien ein. Alarich zieht bis 397 plündernd durch Griechenland. 410 steht er in Rom. 439 nehmen die Vandalen Karthago, die Hauptstadt der reichsten Provinz des Westens, aus der ein großer Teil des Getreides und der Steuern kam.
Und der Senat? Er machte keine Gesetze mehr. 438 bekam er das neue Gesetzbuch des Kaisers vorgelegt, den Codex Theodosianus, und das Protokoll der Sitzung ist erhalten. Es verzeichnet die Zurufe der Senatoren und zählt mit. „Durch euch Ämter, durch euch Vermögen, durch euch alles“: achtundzwanzigmal. „Gott hat euch uns gegeben, Gott erhalte euch uns“: siebenundzwanzigmal.
Im Jahr darauf fiel Karthago.
Wie man seine Verteidiger verliert
Man könnte das als Eitelkeit einer untergehenden Oberschicht abtun. Der Archäologe Philipp von Rummel hat die Gesetze genauer gelesen, und bei ihm wird daraus etwas Unangenehmeres. Hosen, Stiefel, Pelz und langes Haar waren um 400 vor allem die Tracht des spätrömischen Militärs. Das Heer bestand zu einem großen Teil aus Männern von jenseits der Grenzen, und seine Spitze auch: Stilicho, der den Westen gut ein Jahrzehnt lang zusammenhielt, war der Sohn eines vandalischen Offiziers. Verboten wurde in Rom also die Kleidung der eigenen Verteidiger. Die alte zivile Aristokratie verteidigte ihr Bild davon, wie ein Römer auszusehen hat, gegen die Leute, die Rom tatsächlich verteidigten.
Auf dem Missorium, einer Silberschale, die 388 zum Thronjubiläum des Theodosius entstand, stehen neben den Kaisern Leibwächter, die man an Frisur, Halsring und Schild als Angehörige der germanischen Garde erkennt. Auf dem offiziellen Silber des Kaisers stand die Tracht, die Rom seinen Bürgern verbot, direkt neben dem Thron.
Im August 408 ließ Honorius Stilicho in Ravenna hinrichten. Danach fielen römische Soldaten in den Städten Italiens über die Frauen und Kinder der barbarischen Verbündeten her. Die Männer liefen zu Alarich über. Zosimos spricht von dreißigtausend, heutige Historiker halten die Zahl für zu hoch. Zwei Jahre später stand Alarich vor Rom, mit Kämpfern, die bis vor Kurzem für Rom gekämpft hatten.
Die Kleidergesetze haben das Massaker nicht verursacht. Sie gehören aber zu derselben Geschichte, der einer Elite, die ihr Selbstbild wichtiger nahm als die Menschen, auf die sie angewiesen war.
Straßburg regelt das Kotelett

Das Europäische Parlament ist kein spätrömischer Senat. Es macht Gesetze, zusammen mit dem Rat der Mitgliedstaaten, und im Herbst 2025 hat es von dieser Macht Gebrauch gemacht. Mit 355 zu 247 Stimmen nahm es einen Änderungsantrag an, der Steak, Schnitzel, Wurst und Burger für Fleisch reservieren sollte. Eingebracht hatte ihn Céline Imart, Getreidebäuerin aus dem Tarn und Abgeordnete der EVP, der Fraktion der Kommissionspräsidentin. Fünf Jahre zuvor hatte dasselbe Parlament einen ähnlichen Antrag noch abgelehnt.
Im März 2026 einigten sich Parlament und Rat. Burger, Wurst und Schnitzel fielen heraus, übrig blieben die 31 Wörter vom Anfang, darunter Steak und Speck. Die Verordnung handelt laut Titel von der Stärkung der Landwirte in der Lebensmittelversorgungskette, und das meiste darin betrifft ihre Verträge mit den Abnehmern. Berichtet wurde über das Kotelett. Die Namensregeln gelten ab August 2029, dem Jahr der nächsten Europawahl. Seit dem Sommer liegen im Agrarausschuss neue Anträge von EVP, Konservativen und Patrioten, die Burger, Wurst, Salami und Nuggets doch noch nachtragen wollen.
Der deutsche Landwirtschaftsminister Alois Rainer hat die Sache 2025 in einem Satz erledigt: Wer ein Veggie-Schnitzel kaufe, wisse, dass es nicht aus Fleisch sei. Verwirrt war niemand. Es ging um ein Zeichen für eine Branche, die sich übergangen fühlt, und ein Zeichen kostet nichts.
Seit dem 3. Juli 2024 hängt an jeder Plastikflasche bis drei Liter der Deckel fest. Die Regel hat einen vernünftigen Grund, weniger Plastik an den Stränden, und kaum eine EU-Regel ist im Alltag sichtbarer. Man trinkt jeden Tag aus ihr.
Sechzehn Prozent

Am 9. September 2024 legte Mario Draghi der Kommission seinen Bericht über die Wettbewerbsfähigkeit Europas vor. Er beschrieb eine Innovationslücke gegenüber den USA und China, eine Energiewende, die bezahlbar bleiben muss, und gefährliche Abhängigkeiten. Er bezifferte den zusätzlichen Investitionsbedarf auf 750 bis 800 Milliarden Euro im Jahr und warnte vor einer langsamen Agonie. Ein Jahr später sagte er, jede dieser Herausforderungen sei dringlicher geworden, das europäische Wachstumsmodell verblasse, und die Bürger seien enttäuscht, wie langsam die EU sich bewege.
Das European Policy Innovation Council zählt mit. Von 383 Empfehlungen waren im September 2025 elf Prozent vollständig umgesetzt, im Juli 2026 knapp sechzehn. Ein anderer Tracker kam diesen Monat zu dem Befund, dass keine der dreißig wichtigsten Empfehlungen vollständig umgesetzt ist.
Beim Kotelett gibt es eine Übergangsfrist bis auf den Tag genau. Beim Wachstum gibt es einen Tracker.
Brüssel weiß das. Die Kommission hat sich Anfang 2025 vorgenommen, den Verwaltungsaufwand für Unternehmen um ein Viertel zu senken, und seither mehrere Pakete zur Vereinfachung vorgelegt. Im selben Zeitraum hat der Gesetzgeber 31 Fleischwörter geschützt. Beides geschieht gleichzeitig, und nur eines davon passt in eine Schlagzeile.

Genau hier öffnet sich die Flanke. Die AfD will die Europäische Union laut Wahlprogramm durch einen „Bund europäischer Nationen“ ersetzen. Die Patrioten für Europa sind seit 2024 die drittgrößte Fraktion im Parlament, und die Fraktionen rechts der EVP sind zusammen ungefähr so groß wie sie. Sie brauchen für ihren Wahlkampf keine Argumente zu erfinden. Sie müssen nur zeigen, womit sich das Parlament beschäftigt, auch dann, wenn sie die Anträge selbst mitgeschrieben haben. Und wer in Moskau oder Peking erzählen will, dass liberale Demokratien zu langsam für dieses Jahrhundert sind, muss nur die Tagesordnung vorlesen.
Was für die kleinen Regeln spricht
Der stärkste Einwand ist alt und nicht dumm. Regeln sind das Handwerk der EU. Der Binnenmarkt besteht aus Tausenden Normen, und manche kleine Regel hat mehr verändert als jede Gipfelerklärung. Seit Dezember 2024 lädt jedes neue Telefon in der EU über denselben Stecker, und der Champagner ist geschützt, weil man eine Herkunft fälschen kann. Kleinteiligkeit an sich ist also kein Vorwurf.
Das stimmt. Aber der einheitliche Stecker löst ein Problem, das fast jeder hatte. Das Kotelett löst ein Problem, das niemand hatte, außer einer Lobby, die ein Zeichen brauchte. Und entscheidend ist die Reihenfolge: welche Regeln in neun Monaten beschlossen sind und welche nach zwei Jahren bei sechzehn Prozent stehen.
Auch die Analogie hinkt, und das soll sie ruhig. Die EU ist nicht das Weströmische Reich, und sie geht nicht unter. Rom bestand nach dem Haarverbot noch sechzig Jahre. Gefährlich ist etwas Langsameres: dass Menschen, die diese Union tragen sollen, sie nur noch als Absenderin von Vorschriften erleben. Das war der Fehler von Ravenna. Man hat die eigenen Leute mit Kleiderordnungen behelligt, während die großen Fragen liegen blieben.
Zwei Versionen von 2029

Den größten Teil seiner Geschichte hat dieser Kontinent seine Grenzen dort gezogen, wo Heere aufeinandertrafen. 1951 legten sechs Staaten ihre Kohle und ihren Stahl zusammen, das Material, aus dem man Kriege baut. Heute fährt man von Lissabon nach Tallinn über Grenzen, an denen meist niemand mehr nach dem Pass fragt, und bezahlt in den meisten Ländern unterwegs mit derselben Münze. In Straßburg sitzen die Nachfahren der Männer, die bei Verdun aufeinander geschossen haben, in einem Saal, sie streiten in vierundzwanzig Sprachen und stimmen am Ende ab, und niemand hat dafür eine Stadt erobern müssen. Das ist, gemessen an allem, was vorher war, der größte zivilisatorische Wurf, den Europa zustande gebracht hat.
In diesem Saal wurde im Oktober 2025 über das Wort Schnitzel abgestimmt.
Es gibt zwei Versionen des Jahres 2029. In der einen hat die Union ihre Kraft auf Draghis Liste verwendet, auf bezahlbaren Strom und eigene Chips und eine Verteidigung, die ohne fremde Hilfe auskommt, und das Kotelett ist eine Fußnote, an die sich niemand erinnert. In der anderen hängt im Kühlregal ein korrekt beschriftetes Schild, und im Wahlkampf erklären die lautesten Stimmen, diese EU könne nur Würste regeln. Man glaubt es ihnen, weil sie das Protokoll vorlesen können.
In Ravenna war das Gesetz auch sorgfältig gemacht.
Bilder: Collagen aus gemeinfreien und frei lizenzierten Vorlagen von Wikimedia Commons. Nachweise in den Bildunterschriften.
Quellen: Codex Theodosianus 14.10, Kleidung in der Stadt · Codex Theodosianus 10.21, Goldbesatz · Protokoll der Senatssitzung von 438 · Philipp von Rummel, Habitus barbarus, Rezension bei H-Soz-Kult · Zosimos, Neue Geschichte 5.35 · Abstimmung im Europäischen Parlament, 8. Oktober 2025 · Einigung von Rat und Parlament, 5. März 2026 · Verordnung (EU) 2026/1739 · Neue Änderungsanträge, Agence Europe · Alois Rainer zum Veggie-Schnitzel, ZDFheute · Richtlinie (EU) 2019/904, Einwegkunststoffe · Draghi-Bericht, Zusammenfassung beim CER · Draghis Rede vom 16. September 2025, Eunews · EPIC Draghi Observatory · Umsetzungsstand September 2026, Euronews · Kompass für Wettbewerbsfähigkeit, Europäische Kommission · AfD-Wahlprogramm 2025, S. 139 f. · Zusammensetzung des Parlaments 2024, EPRS