Marcus Smolarek

Meinung

Die Grille

Seit zweieinhalbtausend Jahren gibt die Fabel der Ameise recht, und im Zeitalter der künstlichen Intelligenz wird sie wieder gepredigt. Dabei hat sie die Zikade von Anfang an missverstanden, und vielleicht auch uns.

Inhalt
Grandville, „La Cigale et la Fourmi“ — die Grille bittet im Winter bei der Ameise um Brot
Grandville, „La Cigale et la Fourmi“ — die Grille bittet im Winter bei der Ameise um Brot · Collage: Marcus Smolarek · Vorlage: Jean Ignace Isidore Gérard Grandville, gemeinfrei, Wikimedia Commons

Bei Äsop ist es eine Zikade. Sie sitzt den Sommer über im Olivenbaum und singt, während unter ihr die Ameise Korn um Korn in ihren Bau trägt. Im Winter steht die Zikade hungrig vor dem Bau und bittet um etwas zu essen. Die Ameise fragt, was sie denn im Sommer getan habe. Gesungen, sagt die Zikade. Dann könne sie jetzt ja tanzen, sagt die Ameise und schließt die Tür. Man erzählt die Fabel Kindern bis heute, damit sie ihr Taschengeld sparen.

Nördlich der Alpen kannte man keine Zikaden, also machten die Übersetzer eine Grille aus ihr. Die Moral kam unbeschadet über das Gebirge, die Biologie blieb zurück. Die Mannazikade, die man jeden Sommer am Mittelmeer hört, lebt mehrere Jahre als Larve unter der Erde. Im Frühsommer gräbt sie sich heraus, singt vier bis sechs Wochen lang und stirbt, bevor es kalt wird. Einen Winter hatte sie nie vor sich. Die Fabel wirft ihr vor, in einem Spiel versagt zu haben, das sie gar nicht spielt.

In diesem Herbst wird die Fabel wieder erzählt, diesmal Erwachsenen. Im September hat Anthropic, das Unternehmen hinter dem Sprachmodell Claude, durchgerechnet, wie künstliche Intelligenz das Einkommen der amerikanischen Volkswirtschaft verteilen könnte. Heute gehen von jedem Dollar etwa sechzig Cent an die, die arbeiten, und vierzig an die, denen Maschinen, Gebäude und Firmen gehören. In zwei von drei Szenarien ändert sich daran bis 2030 wenig, im extremen dritten kehrt sich das Verhältnis fast um. Aus diesem dritten ist in wenigen Wochen eine Predigt geworden. Der Winter kommt, heißt es, er heißt KI, und wer bis dahin keine Anteile gesammelt hat, bleibt draußen. Manche geben uns noch fünf Jahre.

1978 hat der kanadische Philosoph Bernard Suits dieselbe Fabel anders erzählt. Bei ihm ist der Grashüpfer der Held, und er malt eine Welt aus, in der Maschinen alles erledigen, was getan werden muss. Übrig bleibt dort das Spiel, das Suits so trocken definiert, wie es nur ein Philosoph kann: der freiwillige Versuch, unnötige Hindernisse zu überwinden. Niemand muss einen Ball in ein Loch schlagen. Gerade deshalb tut man es um seiner selbst willen.

Die Predigt und Suits beschreiben dieselbe Zukunft, Maschinen, die uns die Arbeit abnehmen. Warum klingt sie bei den einen wie ein Todesurteil und beim anderen wie der Beginn der Ferien? Die Antwort hat mit Spielen zu tun. Der Religionswissenschaftler James Carse hat 1986 zwei Sorten unterschieden. Endliche Spiele spielt man, um zu gewinnen. Unendliche spielt man, damit weitergespielt werden kann. Die Predigt kennt nur die erste Sorte. Dass sie trotzdem so gut verfängt, liegt an einem Wort, das wir jeden Tag benutzen.

Warum uns die Freiheit Angst macht

Schreibsaal im Navy Department, Washington
Schreibsaal im Navy Department, Washington · Collage: Marcus Smolarek · Vorlage: AnalyticalHistoricalHobbyist, gemeinfrei, Wikimedia Commons

Das Wort ist Beruf, und es ist ungefähr fünfhundert Jahre alt. Im heutigen Sinn hat es Luther in die deutsche Sprache gebracht. In seiner Bibelübersetzung, so hat es Max Weber 1904 beschrieben, stellte er die weltliche Arbeit neben die geistliche Berufung, die Aufgabe, die Gott einem Menschen stellt. Seitdem steckt im Wort für die Arbeit ein Auftrag. Wer gefragt wird, wer er ist, nennt seinen Beruf.

Vorher gaben Geburt, Stand und Dorf den Platz vor, und der Sohn des Schmieds wurde Schmied. Erst als der Platz nicht mehr vorgegeben war, musste man ihn suchen, und die Moderne fand eine Antwort, die Karriere, eine Leiter aus Abschluss, Stelle und Beförderung. Man kann diese Leiter ein Gefängnis nennen, das ist gerade Mode. Sie war auch ein Geländer. Die Predigt erklärt sie für tot und bietet eine neue an, das Depot.

Dass wir auch mit mehr Wohlstand nicht von der Leiter steigen, hat John Maynard Keynes 1930 nicht kommen sehen. Er sagte voraus, dass der Lebensstandard in hundert Jahren vier- bis achtmal so hoch sein werde und fünfzehn Stunden Arbeit in der Woche genügten. Dann erst stünde der Mensch vor seinem eigentlichen Problem, wie er seine Freiheit nutzt, um weise, angenehm und gut zu leben. Die hundert Jahre enden 2030, im selben Jahr wie Anthropics Szenarien. In den USA ist das Einkommen pro Kopf seither auf mehr als das Siebenfache gestiegen. Die fünfzehn Stunden sind nicht gekommen.

Warum nicht, hat der Ökonom Fred Hirsch 1976 erklärt. Vieles, was wir wollen, ist knapp, weil andere es auch wollen, die Wohnung in der guten Lage, der Platz an der guten Schule. Hirsch nannte solche Güter positionell. Ihr Wert hängt am Rang, und einer steigt nur, wenn ein anderer fällt. Den Wohlstand, der Keynes' Muße hätte bezahlen können, haben wir zu einem guten Teil in dieses Rennen gesteckt. Werde Eigentümer, solange es noch geht, ist die jüngste Anweisung dafür. Für den Einzelnen kann sie aufgehen. Für alle kann sie es nicht, so wenig wie alle in der ersten Reihe sitzen können.

Die Prediger antworten darauf mit Darwin. Das Leben sei nun einmal ein Wettlauf, und es gewinnen die Starken. Darwin hat das so nie gesagt.

Ein Rennen ohne Sieger

Charles Darwin, „I think“ — erste Skizze eines Stammbaums, Notizbuch B, 1837
Charles Darwin, „I think“ — erste Skizze eines Stammbaums, Notizbuch B, 1837 · Collage: Marcus Smolarek · Vorlage: Charles Darwin, gemeinfrei, Wikimedia Commons

Den Satz vom Überleben der Tauglichsten hat 1864 der Philosoph Herbert Spencer geprägt, der damit auch seine Ansichten über die Wirtschaft begründete. Darwin übernahm ihn fünf Jahre später, als Hilfswort neben der natürlichen Auslese. Tauglich heißt darin passend, und passend ist man nur zu einer Umwelt, die sich ändert. Die Dinosaurier beherrschten das Land 165 Millionen Jahre lang, dann fiel ein Asteroid auf Yucatán. Mit Tauglichkeit hatte das nichts zu tun.

Einen Wettlauf gibt es trotzdem, er führt nur nirgendwohin. 1973 fand der Biologe Leigh Van Valen in den Fossilien, dass eine Art durch ihr Alter nicht sicherer wird, weil jede Anpassung der Beute vom Räuber beantwortet wird. Er benannte das nach der Roten Königin aus „Alice hinter den Spiegeln“, bei der man rennen muss, so schnell man kann, um an derselben Stelle zu bleiben. Hirschs Rennen um den Rang ist die Rote Königin mit Aktiendepot.

Einen Sieger hat die Evolution in knapp vier Milliarden Jahren nicht hervorgebracht, nur Linien, die noch da sind. Sie ist Carses unendliches Spiel, das älteste, das es gibt, mit einer einzigen Regel, dass es weitergeht. Und wer darin lange dabei ist, war selten allein. In fast jeder unserer Zellen arbeiten Mitochondrien, die einmal freie Bakterien waren. Vor weit mehr als einer Milliarde Jahren wurde eines von einer anderen Zelle aufgenommen und nicht verdaut, und seitdem leben die beiden zusammen. Ein Menschenkind braucht länger als das Junge jedes anderen Tiers, bis es sich selbst ernähren kann, und die Anthropologin Sarah Hrdy hat gezeigt, dass Mütter es nie allein großgezogen haben. Irgendwann in jedem Stammbaum hat jemand ein Kind gehalten, das nicht das eigene war, hat am Feuer Platz gemacht, hat im Hungerwinter den Vorrat geöffnet, und ohne diese Momente, von denen keiner in einer Bilanz stand, gäbe es keinen von uns.

Die Ameise der Fabel schließt die Tür. Echte Ameisen füttern einander von Mund zu Mund.

Ein Gebot folgt daraus nicht. Dieselbe Evolution hat auch die Schlupfwespe hervorgebracht, die ihre Eier in lebende Raupen legt. Die Natur taugt nur als Widerlegung. Wer das Leben für ein Rennen mit einem Sieger hält, hat sie nicht auf seiner Seite. Offen bleibt, wie man ohne Ziel seinen Weg finden soll. Die überraschendste Antwort darauf kommt ausgerechnet aus der Forschung an künstlicher Intelligenz.

Ein Auto, das niemand gesucht hat

Pieter Bruegel der Ältere, Die Kinderspiele, 1560
Pieter Bruegel der Ältere, Die Kinderspiele, 1560 · Collage: Marcus Smolarek · Vorlage: Pieter Brueghel the Elder, gemeinfrei, Wikimedia Commons

Der Informatiker Kenneth Stanley betrieb mit Kollegen eine Website namens Picbreeder, auf der Besucher Bilder züchten konnten. Die Besucher wählten aus einfachen Formen aus, was ihnen gefiel, und ein Programm züchtete daraus weiter, Generation um Generation. Eines Tages hatte Stanley ein Auto auf dem Bildschirm. Er hatte keines gesucht, und die Vorfahren des Autos sahen nicht aus wie Autos. Als seine Gruppe später versuchte, solche Bilder gezielt nachzuzüchten, mit dem fertigen Bild als Ziel, scheiterte der Algorithmus.

In ihrem Buch „Why Greatness Cannot Be Planned“ haben Stanley und Joel Lehman 2015 daraus eine Regel gemacht. Ehrgeizige Ziele führen in die Irre, weil die Trittsteine zu etwas Großem dem Großen selten ähnlich sehen. Die Vakuumröhre wurde nicht erfunden, um Computer zu bauen, und wer 1900 einen Computer gewollt hätte, wäre nie auf sie gekommen. Wer weiterkommen will, folgt besser dem, was ihn interessiert, und sammelt Trittsteine, deren Nutzen er noch nicht kennt.

Für Lebensläufe gilt dasselbe. Die Karriereleiter ist ein Ziel dieser Art, das Depot ist ein anderes, und beide versprechen, dass man ankommt, wenn man nur geradeaus geht. Die meisten Leben, die man hinterher für gelungen hält, sind anders verlaufen, über einen Umweg, eine Freundschaft, ein Hobby, das irgendwann mehr wurde. Das gilt auch für die schönere Zukunft. Wer statt des Depots eine Welt ohne Not als Ziel ausruft, in der alle spielen, hat nur das Ziel ausgetauscht. Suits' Utopie taugt als Richtung. Als Adresse taugt sie so wenig wie das Eckbüro.

Das alles lässt sich leicht sagen, wenn die Miete bezahlt ist. Genau das ist der Einwand der Ameise, und er ist ernst.

Der Einwand der Ameise

Kursverlauf in Kerzen, Absturz und Erholung
Kursverlauf in Kerzen, Absturz und Erholung · Collage: Marcus Smolarek · Generative Grafik, eigene Arbeit

Vom Spiel reden kann, wer satt ist. Wenn sich die Einkommen wirklich zum Kapital verschieben, trifft es zuerst die, die nichts haben als ihre Arbeit, und das ist kein Gespenst aus einem Szenario. In den USA sinkt der Anteil der Arbeit am Einkommen seit etwa 1980, lange vor jedem Sprachmodell. Wer in dieser Lage Gelassenheit empfiehlt, empfiehlt den anderen, draußen zu bleiben.

Die Antwort verläuft entlang einer Grenze. Wem die Ernte gehört, wenn Maschinen sie einbringen, ist eine politische Frage und keine des Fleißes. Man beantwortet sie, indem Eigentum breiter verteilt wird, und nicht, indem jeder Einzelne schneller rennt. In Deutschland gibt es dafür einen ersten, sehr kleinen Versuch. Mit der Frühstart-Rente will der Staat ab 2027 für jedes Kind zwischen sechs und achtzehn Jahren zehn Euro im Monat in ein Depot zahlen. Das ist wenig. Es zielt aber auf das, was an der Fabel tatsächlich falsch ist. Der Skandal war nie der Gesang. Der Skandal war die geschlossene Tür.

Welches Spiel jemand spielt, beantwortet dagegen keine Politik. Diese Frage bleibt, wenn die Miete bezahlt ist, und sie wird mit jedem Jahr dringlicher, in dem die Maschinen mehr Arbeit übernehmen.

Zwei Sommer

Es gibt zwei Versionen der kommenden Jahrzehnte. In der einen haben die Maschinen die Arbeit übernommen und einige wenige den Ertrag, die meisten sind in ihrem Rang eingefroren, und die Rote Königin läuft schneller als je. In der anderen haben wir den Ertrag geteilt und die Zeit, die übrig bleibt, dem gegeben, was Suits Spiel nannte. Menschen bauen Boote, die niemand braucht, lernen Sprachen, die sie nie sprechen müssen, ziehen Kinder groß, pflanzen Bäume, deren Schatten sie nicht mehr erleben werden. Nichts davon wird je fertig. Beides sind keine Orte, an denen man ankommt, sondern Richtungen, und wir gehen jedes Jahr ein Stück in die eine oder die andere.

Die Prediger geben uns noch fünf Jahre. Die Mannazikade hat vier bis sechs Wochen. Sie verbringt Jahre im Dunkeln, an einer Wurzel, ohne zu wissen, wofür, und dann gräbt sie sich an einem Abend im Juni heraus, sprengt ihre alte Haut, trocknet ihre Flügel und singt, einen Sommer lang, in der Hitze über den Olivenhainen, für niemanden, der ihr etwas dafür gibt. Die Fabel hält das für Leichtsinn.

Ameisen gibt es seit mindestens 113 Millionen Jahren. In der Grube Messel bei Darmstadt liegt eine Singzikade, die vor 47 Millionen Jahren gestorben ist. Gewonnen hat keine von beiden.


Bilder: Collagen aus eigenen Zeichnungen und frei lizenzierten Vorlagen. Nachweise in den Bildunterschriften.

Quellen: Äsop, Die Ameise und die Zikade, Überlieferung und Übersetzungen · Cicada orni, Lebenszyklus · Anthropic, Scenarios for our Economic Future, 2026 · Bernard Suits, The Grasshopper, 1978 · Micah Tillman, A Primer on The Grasshopper · Max Weber, Luthers Berufskonzeption · John Maynard Keynes, Economic Possibilities for our Grandchildren, 1930 · IPPR, Keynes and our grandchildren · IWF, Economic Possibilities for My Grandchildren, 2024 · Fred Hirsch, Social Limits to Growth, 1976, und die Positionsgüter · Darwin Correspondence Project, Survival of the fittest · Leigh Van Valen, A New Evolutionary Law, neu gelesen · Stephen Jay Gould, Wonderful Life, 1989 · James P. Carse, Finite and Infinite Games, 1986 · Lynn Margulis, Endosymbiontentheorie · Sarah Blaffer Hrdy, Mothers and Others, 2009 · Stanley und Lehman, Why Greatness Cannot Be Planned, 2015 · Bundesfinanzministerium, Fragen und Antworten zur Frühstart-Rente · Die älteste Ameise, 113 Millionen Jahre · Sounds from the Eocene, die Singzikade aus der Grube Messel